Patricia Highsmith

Ein Haus mit literarischer Vergangenheit

Patricia Highsmith (1921–1995) zählt zu den bekanntesten amerikanischen Schriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts. International berühmt wurde sie mit Romanen wie Strangers on a Train, der 1951 von Alfred Hitchcock verfilmt wurde, sowie mit der fünfteiligen Reihe um Tom Ripley, die mit The Talented Mr. Ripley begann. Auch The Price of Salt, später unter dem Titel Carol veröffentlicht, gehört zu ihren bekanntesten Werken.

Einen wichtigen Teil ihrer späteren Lebens- und Schaffenszeit verbrachte Highsmith im Tessin. Von 1979 bis 1988 lebte sie in Aurigeno im Maggiatal – in jenem Haus, das heute Casa Sambuco heisst.

Wendeltreppe im Haus

Offizielle Tafel der Gemeinde Aurigeno an der Fassade, die darauf hinweist, dass Patricia Highsmith hier von 1979 bis 1988 lebte.¹

Wohn- und Arbeitsort im Maggiatal

1979 bezog Patricia Highsmith das alte Tessiner Steinhaus in Aurigeno. Hier fand sie die Ruhe und Abgeschiedenheit, die sie zum Schreiben suchte, und machte das Haus für mehrere Jahre zu ihrem Wohn- und Arbeitsort. Das heutige Schlafzimmer im Erdgeschoss diente Highsmith damals als Arbeitszimmer.

In diese Zeit fallen unter anderem ihre Werke People Who Knock on the Door, Found in the Street und Tales of Natural and Unnatural Catastrophes. Auch ihr Essay Untergetaucht im Tessiner Winter entstand aus ihren unmittelbaren Erfahrungen mit dem Haus, dem Dorf und dem Leben im Maggiatal.

1988 zog Highsmith nach Tegna. Das Haus in Aurigeno blieb noch bis 1991 in ihrem Besitz, bevor es im Oktober desselben Jahres direkt von ihr an die heutige Besitzerfamilie überging.

Wendeltreppe im Haus

Highsmiths Leseecke im oberen Stock des Hauses.²

«Das U-Boot ist mein Haus.»

Wie Highsmith das Leben in Aurigeno selbst wahrnahm, lässt sich besonders unmittelbar in ihrem Essay Untergetaucht im Tessiner Winter nachlesen. Darin beschreibt sie das Haus während der kalten Jahreszeit (Highsmith, S. 24–25):

«Im tiefsten Winter, Anfang Dezember, kam ich mir vor, als lebte ich in einem U-Boot. Das U-Boot ist mein Haus. Ein zweistöckiges, enges Steinhaus mit zwei Kellern übereinander. Mächtige alte Balken aus hartem Kastanienholz tragen die gewaltige Last der Granitplatten auf dem Dach […] Die U-Boot-Atmosphäre erfüllt im Winter auch die oberen zwei Stockwerke.»

Das Bild des «U-Boots» lässt sich bis heute nachvollziehen: Massive Steinmauern, kleine Fenster, schwere Kastanienbalken und das Granitdach prägen das jahrhundertealte Haus. Zu diesem Eindruck dürfte damals auch die schmale Wendeltreppe beigetragen haben, über die das obere Stockwerk erschlossen war.

Wendeltreppe im Haus

Aufnahmen der Wendeltreppe, die vom unteren in den oberen Stock führte.³

Winter in Aurigeno

Gleichzeitig konnte dieselbe Abgeschiedenheit eine ganz andere Stimmung erzeugen. In einer Winternacht, vermutlich im Januar, beschrieb Highsmith die Umgebung des Hauses so (Highsmith, S. 28–29):

«Mehr Schnee. Um Mitternacht schaltete ich das Licht über dem Hintereingang an: Die Szene glich einer alten Weihnachtskarte. Grosse weisse Flocken schwebten zwischen den Föhren, liessen sich nieder auf die verschneite niedrige Bruchsteinmauer, die den nächsthöheren Garten stützt, und auf das Granitplattendach des Anbaus jenseits des Pfades, der bergauf führt. Völlige Stille und nichts in Sicht, was in den letzten zwei Jahrhunderten geschaffen ist.»

Viele der Elemente, die Highsmith damals beschrieb – die alten Steinmauern, die Granitdächer, die engen Wege und die unmittelbare Nähe zur Landschaft – prägen Aurigeno bis heute. Wer heute Casa Sambuco besucht, erlebt damit noch immer einen Ort, der sich in vielem seit Highsmiths Zeit bewahrt hat.

Wendeltreppe im Haus

Aussicht vom Haus auf die verschneiten Berge auf der gegenüberliegenden Talseite.⁴

Quellen und Bildnachweise

Literatur

Patricia Highsmith, «Untergetaucht im Tessiner Winter», in: Tintenfass Nr. 34. Wann tritt Europa der Schweiz bei?, Diogenes, Zürich 2010, S. 21–31.

Fotografien

¹ Dominic Scherz, 2026
² Eva Scherz, 1991
³ Fotograf/in unbekannt; Quelle: Archiv Agenzia Fiduciaria e Immobiliare Cocquio & Co., Ascona
⁴ Dominic Scherz, 2026
⁵ Fotograf/in unbekannt; Quelle: Archiv Agenzia Fiduciaria e Immobiliare Cocquio & Co., Ascona

Wendeltreppe im Haus

Historische Aufnahme des Hauses, vermutlich Sommer 1991.⁵